Digitale Plattformen wie TikTok haben die Art, wie wir miteinander umgehen, stark verändert. Sie sind dauerhafte öffentliche Räume, in denen Inhalte nicht nur kurz sichtbar sind, sondern gespeichert, weiterverbreitet und durch Algorithmen immer wieder neu gezeigt werden.
In diesem Zusammenhang fällt immer häufiger der Begriff „cringe“, der im Kern Fremdscham bedeutet. Gerade weil Inhalte online dauerhaft verfügbar bleiben, bekommt Peinlichkeit eine neue Qualität: Sie ist nicht mehr flüchtig, sondern potenziell wiederholbar und dauerhaft sichtbar.
„Cringe“ ist dabei ein kurzes Urteil, das komplexe soziale Erwartungen auf ein einziges Wort reduziert. Es funktioniert wie ein schneller Mechanismus, mit dem Verhalten bewertet und oft auch abgewertet wird. In der Forschung zu Scham wird beschrieben, dass Scham ein starkes soziales Mittel ist, weil sie Verhalten nicht nur im Nachhinein bewertet, sondern schon im Voraus beeinflusst. Auf soziale Medien übertragen heißt das: Die Angst, online peinlich oder negativ bewertet zu werden, kann dazu führen, dass Menschen sich schon vor dem Posten oder Handeln selbst kontrollieren.
Langfristig hat diese Entwicklung Auswirkungen auf das, was als authentischer Selbstausdruck gilt. Wenn alles sichtbar und bewertbar ist, wird Vorsicht oft zur sicheren Strategie. Goffmans Theorie der Selbstdarstellung ist hier besonders anschlussfähig: Menschen versuchen, die Eindrücke zu steuern, die sie bei anderen hinterlassen, und vermeiden alles, was als stigmatisierend oder beschämend gelesen werden könnte. Echte Begeisterung, klare Meinungen oder ungefilterte Emotionen erscheinen dann nicht mehr als Ausdruck von Individualität, sondern als potenzielle Schwäche.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es überhaupt gut ist, Peinlichkeit so stark zu vermeiden. Wenn „cringe“ vor allem die Angst vor negativer Bewertung zeigt, bedeutet seine Vermeidung auch, dass weniger Raum für freien Ausdruck bleibt. Eine Gesellschaft, in der kaum noch Platz für Unperfektes, Unbeholfenes oder Übertriebenes ist, verliert möglicherweise an Vielfalt und Spontanität.
Daraus ergibt sich eine wichtige Überlegung: Sich „cringe“ zu verhalten kann auch bewusstes Handeln gegen zu starker sozialer Kontrolle sein. Es geht dabei nicht um bloßes Bloßstellen, sondern darum, wieder mehr Unsicherheit, Echtheit und Leidenschaft zuzulassen. „Cringe“ kann also auch bedeuten, sich trotz möglicher Kritik sichtbar zu machen und dadurch mehr Freiheit im eigenen Ausdruck zu gewinnen. Vielleicht besteht eine zentrale Herausforderung unserer Zeit genau darin, diese Grenze neu zu denken: Wir sollten uns eher trauen, „cringe“ zu sein, weil darin auch Authentizität und Freiheit liegen können.
Text: Eda Tekin
