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Buchbesprechung: “Rescue Center Nord” von Heike Trojnar

Die Autorin stellte der eigenleben-Redaktion ein kostenloses Leseexemplar ihres Romans Rescue Center Nord zur Verfügung. Herzlichen Dank!
Lisa aus dem eigenleben-Team hat das Buch gelesen und erzählt hier, wie ihr die Geschichte gefallen hat.

Das große Ganze und die kleinen Details

Der erste Eindruck stimmte mich skeptisch. Das Titelbild fand ich nicht besonders aussagekräftig und die Typografie wirkt teilweise verschwommen. Der nüchterne Buchsatz ließ mich an eine Facharbeit denken. Beim Lesen stolperte ich an einigen Stellen über unsaubere Zeichensetzung. So mancher Kommafehler fiel mir auf und durchweg werden ´Akzente´ verwendet, wo ‚einfache Anführungszeichen‘ hingehört hätten.

Heute und morgen

Der Roman spielt in der nicht allzu fernen Zukunft in Stuttgart und porträtiert eine Gesellschaft, in der gute Gesundheitsversorgung für einen Großteil der Bevölkerung unerschwinglich teuer geworden ist. Lediglich Besserverdienende können sich die Zusatzversicherungen leisten, die eine schnelle und effektive Behandlung gewährleisten. Alle anderen müssen Wartezeiten von vielen Monaten in Kauf nehmen und werden mit veralteten Methoden therapiert. Zu dieser Gruppe gehören auch die Hauptperson Rano und dessen krebskranke Schwester Alani. Aus dieser Konstellation entfaltet sich ein klassisches Dilemma, das viele von euch aus dem Religions- oder Ethikunterricht kennen dürften: Ist es in Ordnung, wenn Rano zu kriminellen Mitteln greift, um seiner Schwester zu helfen?

Heike Trojnars Roman spielt im Stuttgart des Jahres 2040. Das Buch enthält auch einige Illustrationen der Autorin, wie diese Skizze des Mailänder Platzes.

Ich fand es durchaus interessant, in das Zukunftsszenario einzutauchen, das hier entworfen wird. Tornados in Deutschland, selbstfahrende Autos, eine immer größer werdende Lücke zwischen Arm und Reich – der Roman greift eine Vielzahl von Aspekten auf, die uns schon heute beschäftigen und in den kommenden Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielen könnten. Auch empfand ich es als originelle Idee, die Entwicklungen im Gesundheitssystem in den Mittelpunkt zu stellen und auf diese Weise zu veranschaulichen, dass gesundheitliche Rundumversorgung, wie wir sie kennen, bei Weitem keine Selbstverständlichkeit sein muss.

Stärken und Schwächen

Da diese komplexe Welt in einer Geschichte von nur knapp 200 Seiten untergebracht ist, wirkte der Roman teilweise etwas überladen auf mich. Neben vielen Schilderungen technischer Details kam die Figurenzeichnung für mein Empfinden zu kurz. Die Hauptprotagonisten blieben für mich blass und ich hatte selten das Gefühl, eine Szene durch die Augen der handelnden Personen wahrzunehmen. Diese Distanz verhinderte, dass mich Alanis und Ranos Schicksale wirklich berührten. Hier wird Potenzial verschenkt, denn den Schreibstil als solchen fand ich durchaus ansprechend. Die Sätze sind schlicht und klar formuliert, die Handlung schreitet zügig voran, Settings und Protagonisten werden bildhaft beschrieben und die klug konstruierte Handlungskulisse veranlasste mich beim Lesen so manches Mal dazu, darüber nachzudenken, ob ich selbst in einer solchen Art von Zukunft leben wollte.

“Rescue Center Nord” beschreibt detailliert, wie die Technik von morgen aussehen könnte. (Illustration von Heike Trojnar)

Ab der zweiten Romanhälfte änderte sich der Themenschwerpunkt. Alani lässt sich auf die Wunderversprechen einer Sekte ein, während Rano in einer christlichen Gemeinde Hilfe und Geborgenheit findet. Lud die Erzählung bis dorthin durchaus zum Mitdenken und zur persönlichen Meinungsbildung ein, so präsentierte sich mir das Szenario nun als klischeehafte Schwarz-Weiß-Darstellung zweier verschiedener Formen der spirituellen Gemeinschaft, mit den passiven Esoterikern auf der einen Seite und den nächstenliebenden Gemeindemitgliedern auf der anderen. Dieser Ansatz war mir zu undifferenziert, denn auch wenn er den Protagonisten ein rosarotes Happy-End beschert, bleiben die gesellschaftlichen Probleme bestehen und werden von den handelnden Personen nicht mehr hinterfragt.

Fazit und Empfehlung

Die Pluspunkte des Romans lagen für mich vor allem in der innovativen Themenstellung, den frischen Ideen und der flüssigen Schreibweise. Was mir weniger gut gefiel, war die distanzierte Erzählperspektive, eine allzu deutlich durchschimmernde Moralbotschaft sowie die gestalterische Umsetzung des Projekts.

Ich würde den Roman Science-Fiction-Freunden empfehlen, die Spaß an Gedankenspielen haben und sich für aktuelle gesellschaftliche und technische Entwicklungen interessieren. Mit Rescue Center Nord hat Heike Trojnar eine reizvolle Gesellschaftsstudie geschaffen, die den Lesenden ins Bewusstsein ruft, dass wir schon heute Verantwortung dafür tragen, wie wir in Zukunft leben werden.

Rescue Center Nord von Heike Trojnar
Einbuch Verlag
Erhältlich als Taschenbuch, 190 Seiten, 13,40 €

Heike Trojnar stellt sich vor
Ich bin 1964 geboren, Krankenpflegerin und Kommunikationswirtin, hauptberuflich tätig in der Sozialarbeit, im ambulant betreuten Wohnen für psychisch kranke Menschen. Schreiben ist für mich nebenberuflich eine Leidenschaft und mit dem Journalismus fing es an. Mit Begeisterung startete ich in der freien Mitarbeit bei der Stuttgarter Straßenzeitung Trott-war. Dazu lernte ich Theorie und Praxis des Journalismus in einem Studium bei der evangelischen Publizistik. Ein Großprojekt wartete auf mich, ein Magazin der Behindertenhilfe in Esslingen, in das ich mich hineinwühlte und zehn Jahre lang mit Artikeln, Kurzgeschichten und Lyrik bereicherte. Ich schrieb für das kommerzielle Magazin „Story“ und ab 2008 widme ich mich der Belletristik.

LMR

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1 Kommentar

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