Freizeit

Faszination Horror: Warum wir uns gelegentlich gerne gruseln

Ein kleines Papierboot treibt bei strömendem Regen die Straße entlang. Ein kleiner Junge im gelben Regenmantel rennt hinterher, sieht es gerade noch im Kanal verschwinden. Nein! Er lässt sich auf die Knie fallen und blickt in den Kanal hinein. Doch was ist das? Augen blitzen in der Dunkelheit auf. Es ist ein Clown … Und er hat das Boot …

Stephen King – Es

Diese Anfangsszene der Verfilmung von Stephen Kings „Es“ löst bei den meisten bereits Gänsehaut aus. Kein Wunder: King spricht mit seiner Geschichte Ängste an, die wir wohl alle nachvollziehen können. Da aber natürlich jeder vor etwas anderem Angst hat, zeigt sich Es auch jedem der Freunde aus der Geschichte anders – mal in Gestalt eines gruseligen Horror-Clowns, eines Aussätzigen oder des toten Bruders, der doch nur sein Boot zurückhaben wollte.

Übrigens: Geboren werden wir mit lediglich zwei Grundängsten: Der Angst vorm Fallen und vor lauten Geräuschen – alle anderen Ängste sind erlernt und hängen oft mit traumatischen Erfahrungen in der Kindheit/Jugend zusammen.

Aber warum tun wir uns das freiwillig an?

Was Horrorfilm-Fans in vorfreudige Anspannung versetzt, ist für schreckhaftere Personen im wahrsten Sinne des Wortes der blanke Horror. Sie können absolut nicht nachvollziehen, wie sich jemand freiwillig Gruselfilme anschauen kann. Dabei ist die Erklärung eigentlich ganz plausibel: Es geht um den „Thrill“. Ähnlich wie bei Extremsportlern, die gerne ab und zu mal aus einem Flugzeug oder von einer Klippe springen.

Riskante Erlebnisse sorgen nämlich dafür, dass unser Dopaminspiegel ansteigt. Der Botenstoff Dopamin ist an Lernprozessen beteiligt und gehört zum Belohnungssystem des Gehirns. Er wird bei befriedigenden Erfahrungen, wie zum Beispiel dem Essen, ausgeschüttet – aber eben auch, wenn wir riskante Situationen „überstanden“ haben – und hat eine euphorisierende Wirkung. Das geht möglicherweise auf unsere Vorfahren zurück, die für ihr Essen noch auf die Jagd gehen mussten. Denn auch wenn eine solche Jagd natürlich Gefahren barg, war sie eben notwendig für das Überleben. Und für das Eingehen dieses Risikos, wurden die Jäger dann mit Glücksgefühlen belohnt.

Angstvermeider oder Risikosucher?

Warum manche Menschen das Risiko in verschiedenen Lebensbereichen geradezu suchen, während andere es ausdrücklich meiden, hat der amerikanische Psychologe Marvin Zuckerman in den 1960er Jahren erforscht. Er erkannte, dass es Menschen gibt, die aufgrund ihrer Persönlichkeit mehr oder weniger zum „Sensation Seeking“ neigen. Mittels seiner „Sensation Seeking Scale“ lassen sich Menschen anhand von zehn Fragen in eine von vier Gruppen einteilen: Von Gruppe 1 „Thrill and Adventure Seeking“ – auf der Suche nach Adrenalin und echtem Nervenkitzel – bis hin zu Gruppe 4 „Boredom Susceptibility“ – fähig, monotone Dinge zu verrichten und die psychische Reaktion darauf.

Dieser Test findet, etwas überarbeitet, auch heute noch tausendfach Anwendung, z. B. im Marketing-Bereich, um eine möglichst genaue Zielgruppenansprache zu erreichen.

Mit welchen Mitteln arbeitet die Horrorfilm-Industrie?

Aber zurück zu unseren Horrorfilmen und was genau sie so schaurig macht. Wer schon einige Gruselfilme geschaut hat, kennt mit der Zeit die gängigsten Kniffe der Filmemacher: Eine insgesamt düstere Szenerie, plötzlich lauter werdende Musik, die Kamera schwenkt mit dem Blick des Protagonisten nach oben und man erblickt eine Gestalt hinter ihm im Spiegel …

Ganz nebenbei: Dass ein Film die Zuschauer auch ohne Filmmusik in Schrecken versetzen kann, hat Alfred Hitchcock bereits 1963 mit seinem Thriller „Die Vögel“ bewiesen. In diesem Klassiker setzte Hitchcock nämlich statt auf Musik lediglich auf die bis ins Unnatürliche verzerrten Vogelklänge, die am Ende des Films in einer schrecklichen Stille gipfeln.

Aber egal, ob man sich vor Geistern oder anderen verdrehten Wesen fürchtet, Angst bei dem Gedanken an blutige Folterszenen, wie in „Saw“, empfindet oder schon Herzrasen bekommt, wenn der abendliche Thriller mal etwas gruseliger wird – mittlerweile hält die Film-Industrie für jeden das Richtige bereit. Und damit für jede Angst den passenden Trigger.

Text: Leonie Hauck,

Arena Verlag

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